eine neue Vision der Kunst

Die Kunst (2)

Wir haben zur Sprache gebracht, dass das Prinzip der Schönheit in der Kunst derzeit seine Größe, seinen Wert verloren zu haben scheint, zugunsten des Prinzips der Originalität und des “freien Ausdrucks”. Ist das schlimm, bedeutet dies eine Form der Verschlechterung, irgendeinen Verlust? Ja und nein. Das bedeutet, dass die Tatsache, den alten Weg verlassen zu haben, der der Welt der Kunst, den Kreationen mehr Schönheit oder ästhetischen Sinn zu geben schien, einen anderen Gewinn oder eine andere Errungenschaft mit sich gebracht hat.

 

In diesem Sinn führt der Verlust einer Sache direkt zum Gewinn einer anderen Sache, und die Frage ist: Was? Was ist verloren gegangen und, aufgrund dessen, was wurde gewonnen? Dies, was verloren gegangen ist, betrifft die Ästhetik, im höchsten Sinne, das heißt einen Aspekt, der über den einfachen persönlichen Geschmack hinausgeht. Viele moderne Werke werden als interessant klassifiziert, aber wenig ergreifen den Betrachter oder Zuhörer durch ihre inhärente, tiefgründige Schönheit. Dies, was gewonnen wurde, liegt im Bereich der Freiheit, eine grenzenlose Kreativität, ein hemmungsloser künstlerischer Ausdruck. Der moderne Künstler lässt sich nicht das Gesetz diktieren, lässt sich nicht durch Regeln bremsen, außer von eventuell bestimmten Regeln die Technik einzusetzende betreffend. Er will sich selbst ausdrücken, originell sein und, wenn möglich, nicht kopieren.

 

Aber warum scheint die Ästhetik in diesen ganzen Dingen zurückzugehen, zurück zu treten? Oder muss man die Kriterien ändern und das “Schöne” anders betrachten? Wenn wir uns die Bilder der großen Meister der Vergangenheit ansehen, müssen wir feststellen, dass die meisten von ihnen, über das Thema hinaus, das greifbar angegangen wurde, uns durch die Harmonie und die Schönheit, von der sie zeugen, ins Auge fallen. Wir können persönlich ein Still-Leben, einem Portrait oder eine Landschaft einem Schlachtfeld vorziehen, aber diese Werke präsentieren unseren Augen quasi unweigerlich das “Schöne”, man kann es nicht leugnen. Woher kommt es?

 

Um die Antwort auf diese Frage zu finden, kann es nützlich sein, sich zuerst eine andere Frage zu stellen: “Warum mögen die modernen Künstler es nicht oder nicht mehr, sich von Regeln oder Gesetzen begrenzen zu lassen? Und wie war die Haltung ältere Künstler diesbezüglich?” Hier können wir feststellen, dass der Bereich der Kunst vor Beginn des 19. Jahrhunderts, viel mehr reglementiert, strukturiert war, als es heute der Fall ist. Früher wusste der Künstler, indem er den Bereich der Kunst als Zentrum seiner Aufmerksamkeit, seines Lebens wählte, dass er verpflichtet war, sich einer ernsthaften und anhaltenden Disziplin zu unterwerfen. Sein Metier, seine Kunst, er konnte sie nicht lernen, sie mit seinem ganzen Sein in nur wenigen Jahren erfassen. Es brauchte mehr als das, es brauchte ein ganzes Leben.

 

Oft fühlte er diese Berufung ganz jung, und er hatte die Ehre, sie seiner Familie, seinen Eltern mitzuteilen. Das Talent, die Gabe für den Bereich der Kunst wurde wie eine Gunst, die dem Menschen gewährt wurde, angesehen, wie eine Göttliche Gnade. Zu jener Zeit erfand das Kind oder der junge Erwachsene keine Geschichte, indem er seiner Umgebung, seinen Eltern seine Wahl des Lebens zum Ausdruck brachte. Er bezeugte ihnen sein Schicksal, das, was er in seinem tiefsten Inneren als seinen Weg empfand, und niemand zweifelte daran. Sicherlich gab es Fälle, wo das persönliche Schicksal bestimmter Personen nicht den Wünschen der Eltern oder eines Elternteils, oft des Vaters, entsprach, aber in der allgemeinen Regel respektierte man die Wahl, deren Legitimität man tief empfand.

 

Zu Beginn des modernen Zeitalters, zu Anfang des 19. Jahrhunderts, haben die Dinge sich geändert. Die Französische Revolution hatte im Westen Einzug gehalten, die Armen revoltierten gegen ihr Schicksal, und im Inneren erwachte in vielen Menschen der Intellekt, und mit ihm der Wissensdurst, aber auch der kritische Sinn. Die Kirche begann auf ihrem Fundament zu wanken, die Wissenschaft schärfte ihr Schwert und die Kunst begann, an sich selbst zu zweifeln. Denn der Intellekt – und mit ihm die Wissenschaft – konnte völlig ohne Gott und auch ohne Schönheit existieren.

 

Mother

 

(Fortsetzung folgt)