eine neue Vision der Kunst

Tanz

 

 

Tanz (I)

 

Was bedeutet Tanz oder Tanzen? Ist es ein Mittel für den Menschen, seinen Körper oder seine Fähigkeiten zu zeigen, oder um seine Lebensfreude auszudrücken?

 

Die Spuren von Tänzen oder von Tanzweisen der Vergangenheit, sind im Vergleich mit anderen künstlerischen Disziplinen, wie zum Beispiel der Malerei oder der Musik, nicht ergiebig. Abgesehen von einigen Bildern, oder durch Musik, die für das Tanzen geeignet ist, hat der Tanz an sich selbst nicht viele Spuren hinterlassen, was erstaunlich ist, wenn man bedenkt, dass es sich um eine sehr physische künstlerische Disziplin handelt. Sobald der Tanz ausgeführt wird, verblasst die Bewegung und nichts scheint davon übrig zu sein. Aber ist das wahr?

 

Wenn wir zuerst auf unsere erste Frage antworten, kann man sagen, dass der Tanz oder der Akt des Tanzens etwas auszudrücken scheint, das in Beziehung zu demjenigen steht, der ihn ausführt. Diese Beziehung kann wiederum sehr unterschiedlich sein und je nach Person variieren. Jemand kann ganz einfach außen eine Bewegung ausführen, die er gelernt hat, die man ihn bittet zu tun oder die er aus irgendeinem Grund eigentlich tun soll. Dabei geht es nicht zwingend um irgendeine Partizipation des emotionellen Teils der betreffenden Person, des Gefühls, mit der ausgeführten Bewegung. Es gibt nur den Willen, der den Körper in Bewegung setzt. Um eine Bewegung oder eine Geste mit einer Emotion oder einem Gefühl zu begleiten, muss es eine Übereinstimmung im Inneren der betreffenden Person zwischen diesen beiden Bereichen geben: die Emotion muss der Handlung folgen. Dann gibt es noch den Gedanken: woran denkt die Person beim Tanzen? Ist sie hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt und mit der Art, wie sie ihre Bewegungen ausführt oder denkt sie immer bloß an den oder die anderen, die sie in ihrer Aktivität begleiten? Oder beschäftigt sie sich vor allem mit der Musik, um im richtigen Rhythmus zu bleiben?

 

Vieles kann der Grund sein, warum eine Person tanzt und vielfach können ihre inneren Beschäftigungen in dem Moment sein, in dem sie ihre Bewegungen ausführt. Eines ist jedoch sicher: Wenn das Gefühl überhaut nicht mitwirkt, wird sie nicht lange tanzen! Ohne Liebe (sogar wenn es sehr wenig ist) zu dem, was sie tut oder ausführt, werden die Bewegungen steif, ruckartig sein und sehr schnell anhalten.

 

Dies zeigt, im Gegensatz zu dem, was man auf den ersten Blick glaubt, dass das Tanzen zutiefst auf einem Zustand der Seele, dem Inneren beruht.

 

Als physische künstlerische Disziplin, sieht es so aus, als ob das Physische das Gesetz vorschreibt, der Anführer ist. Dennoch ist das nicht der Fall. Tanz ist das Gefühl oder die Emotion, in Form von Bewegung oder Geste; genauso wie die Malerei dieses Gefühl oder diese Emotion durch Farbe oder Form (äußerlich), und der Musiker durch den Klang ausdrückt. Die einzige Schwierigkeit beim Tanz besteht darin, dass sein Ausdrucksmittel, der physische Körper, viel dichter und materieller ist, als die verwendeten Mittel in der Malerei oder in der Musik. Das bedeutet, dass man hinter einem solchen derart opaken oder schweren Mittel leichter „so tun“ kann „als ob“, man kann leichter seine wahren Emotionen und Gefühle verbergen. Auch wenn es ohne Liebe schwierig sein wird, langfristig zu tanzen, kann man leichter „schummeln“ oder einfach nur ein schönes Aussehen zeigen. Auf der anderen Seite ist es aus dem gleichen Grund nicht so einfach, in der Lage zu sein, seine inneren Zustände als Künstler mittels des Tanzes zeigen zu können. Subtile Emotionen durch den Körper oder auch nur durch die Geste zu vermitteln, ist beim Tanzen schwieriger als bei der Malerei oder durch die Musik. Ein Maler kann sich der entsprechenden Farben bedienen, wenn er etwas ausdrücken möchte, selbst wenn er es (innerlich) weniger lebt, oder der Musiker kann sich bestimmter Klänge bedienen, höhere oder tiefere Töne zum Beispiel.

 

Der Tänzer im Gegensatz ist dazu gezwungen, wenn er dem Publikum eine Emotion oder ein Gefühl durch den Tanz vermitteln will, diese Emotion oder dieses Gefühl bis zum Ende zutiefst zu leben. Das ist es, was den Tanz zu einer künstlerischen, sehr schwierigen Disziplin macht, auch wenn es auf den ersten Blick nach dem Gegenteil aussieht. Denn im Grunde, nur um ein paar Schritte zu machen, kann sich jeder, fast jeder in Bewegung setzen. Aber gerade das ist nicht wirkliches Tanzen.

 

Aus diesem Grund ist ein guter Tänzer eine Person, die eine emotionale Tiefe und ein sehr reiches, sehr elaboriertes, gefühlvolles Leben besitzen muss. Jedoch ist dies in gewisser Hinsicht nicht nur relativ rar, sondern in unserer Zeit ist dieser Mangel an diesem inneren Leben oft versteckt hinter (technischen) sehr komplexen, sehr schwierigen Bewegungen, die den Betrachter verblüffen; der Anblick. Die Farben, die Kostüme, das Licht und der Ton, die Musik können derzeit die tiefe Wahrheit hinter einem Phänomen wie dem Tanz verbergen. Man sieht schöne Körper oder Kraft, Muskeln oder sehr abwechslungsreiche Bewegungen, ein ganzes Spektakel, um unsere Sinne in Atem zu halten. Aber das bedeutet nicht unbedingt, dass man bei einem Tanz zugegen ist, der als eine Form der Kunst im höchsten Grade ausgeführt wird. Vielleicht stört uns das nicht, das ist möglich. Jedoch ist es diese Form des Tanzes oder der Bewegung, die mit der Zeit verblasst. Denn um die Dauer auf der Ebene der Bewegung zu erschaffen, sind es gerade die tiefe Emotion und das tiefe Gefühl, die mit der Handlung und der Geste verbunden werden müssen.

 

Mother

(Fortsetzung folgt)