Musik für Kinder

 

 

Musik für das Kind (I)

 

Mit Kindern zu musizieren, oder für Kinder, scheint auf den ersten Blick einfach zu sein. Im musikalischen Bereich ist das Kind noch anspruchslos und vermittelt den Eindruck, sich ohne weiteres von allem mitnehmen zu lassen, was Klang, Musik anbelangt. Dies kann aber vielleicht nur dem Anschein nach so sein, denn, welche Wahl lässt man ihm ? Das Kind verfügt noch nicht über alle intellektuellen Fähigkeiten, die ihm ein gutes Unterscheidungsvermögen, sowie den klaren Ausdruck seiner Ideen oder seiner Gefühle ermöglichen.

 

Außerdem besitzt es noch nicht die Erfahrung und die Reife, um zu vergleichen, was ihm mit anderen Dingen zur Verfügung gestellt wird. Alles was man weiß, ist, dass es sehr sensibel für Töne ist. Aber, erfordert diese Sensibilität nicht eher eine Form der Vorsicht ? Wenn es um Ernährung, giftige Produkte, die Qualität von Stoffen oder Materialien geht, mit denen das Kind täglich in Kontakt kommt, sind wir uns meistens bezüglich der Tatsache einig, dass für das Kind nicht dieselben Kriterien verwendet werden sollten wie für den Erwachsenen. Für das Kind fordert man strengere Kriterien, da man seine Wehrlosigkeit berücksichtigt, da es noch nicht dieselben Abwehrsysteme wie der Erwachsene besitzt. Aber was die Musik anbelangt, sieht man sie dagegen als einen Bereich, der um diese Art von Kriterien, von Schutz herumkommt, und man teilt den Gedanken, dass darin alles oder fast alles erlaubt ist. Aber ist das gerechtfertigt ?

 

Man wird sagen, dass es in unserer Zeit schwierig ist, das Kind, übrigens ganz genauso wie den Erwachsenen, vor der akustischen Disharmonie, dem Lärm zu schützen, im gleichen Maß, wie der Luftverschmutzung. Es ist jedoch möglich, dass dies nur teilweise stimmt. Es ist vielleicht nicht immer möglich, eine (partielle) Belastung durch solche disharmonischen Situationen zu vermeiden, aber man kann versuchen, seine Verteidigung zu stärken, oder das Kind mit einem Mittel auszustatten, welches ihm erlaubt, nur das zu erfassen, was es zu integrieren, zu neutralisieren schafft, und den Rest auszuschließen.

 

Es kann sein, dass dies alles von geringem Interesse, sogar abwegig erscheint, dies liegt jedoch daran, dass die meisten von uns sich noch nicht des Einflusses dieser Art von Klangkräften bewusst sind. Im Bereich der Psychologie beginnt man gerade erst zuzugeben, dass die psychische Atmosphäre, in der das Kind tagtäglich, bereits zu Hause, im Schoße seiner Familie badet, einen viel größeren Einfluss auf seine Entwicklung hat, als man sich das eingestehen möchte. Wenn aber diese Art von unsichtbarem Einfluss ernst zu nehmend auf ein Kind einwirkt, kann es davon vielleicht andere geben. Ohne das Kind in eine Art Gefängnis stecken zu wollen, in das keine Giftigkeit eindringen könnte, ist es trotz allem nützlich, einige Frage über die Natur solcher nichtgreifbaren Einflüsse zu stellen. Am markantesten scheinen das psychische Milieu, sowie das klangliche Umfeld zu sein.

 

Lärm ist ein Phänomen, das mit dem industriellen Zeitalter und der Mechanisierung aufgetreten ist, was uns dazu führt, festzustellen, dass es sich dabei um ein relativ neues Phänomen handelt. Dieses Phänomen existiert seit etwas mehr als 150 Jahren und ist bis in unsere Zeit hin gewachsen. Vor Mitte des 19. Jahrhunderts, betrafen die Geräusche Karossen, die von Zeit zu Zeit auf den Straßen unterwegs waren, Kanonen auf dem Schlachtfeld, und solche von geringerer Kraft, die durch manuelle Tätigkeiten verursacht wurden. Aber Geräusche von Motoren und Maschinen gab es nicht, und das ist der große Unterschied. Im Bereich der Musik wurden Anfang des 20. Jahrhunderts Schallplatten veröffentlicht, und die lebendige, konkrete Musik wurde nach und nach durch ein musikalisches Universum ersetzt, das jederzeit so laut und so lange wie man es wünscht, in Gang gesetzt werden kann.

 

All das bringt mit sich, dass wir die psychische, sensible Struktur des Kindes tagtäglich einem Arsenal an Geräuschen aussetzen, die in der Vergangenheit nicht existierten. Angefangen beim elektrischen Rasierapparat und dem Fön am Morgen, über die Waschmaschine, den Mixer, die Spülmaschine, den Staubsauger, bis hin zum Radio, dem Fernseher und dem CD-Player… Und all das betrifft immer noch nur das Innere des Hauses.

 

Die Stille – wir wissen fast nicht mehr, was das ist, und viele von uns ertragen sie vielleicht selbst nicht oder nicht mehr. Und dennoch ist es gerade die Stille, die der Partner der Musik ist, der wahrhaften Musik. Jeder Komponist kennt im Grunde den Wert der Stille und ihren Einsatz zur richtigen Zeit, um den Klang besser hervorzuheben. Denn es ist die Stille, die dem Klang vorangeht, sie ist es, die sich an seinem Ursprung befindet, an seiner Wiege.

 

Wenn wir auf diese Weise die Abwehrkräfte des Kindes gegen jegliche Form von psychischer und physischer Disharmonie zu verstärken wünschen, liegt ein essenzieller Faktor im Prinzip der Stille. Niemand in der medizinischen Welt zieht diesen Lärmfaktor in Betracht, sowie die Art und Weise des arhythmischen Lebens, denen die Mehrheit der Kinder heute ausgesetzt ist. Man sucht in der Ernährung, in schädlichen Produkten, man verteilt Antibiotika in weitem Umfang, aber die Wahrheit ist ganz anders. Das Immunsystem des Kindes, aber auch des Erwachsenen, braucht die Stille, um sich zu stärken, und eine Lebensweise, die auf einem Rhythmus basiert.

 

Diese beiden Prinzipien, die Stille und den Rhythmus, findet man in der Musik wieder. Aber es ist nutzlos etwas in der Musik zu suchen, das nirgendwo anders in seinem eigenen Leben existiert. Bevor man sich dieser Prinzipien im Bereich der Musik effektiv bedienen kann, ist es zunächst notwendig zu wissen, woher sie aus der Gesamtheit dessen, was man das Leben, die Existenz nennt, kommen. Nur dann kann man Musik, Lehren oder musikalische Übungen auf eine für das Kind nützliche Weise mit dem Ziel einsetzen, seine physische und psychische Entwicklung zu unterstützen oder bestimmte Ungleichgewichte wieder in Einklang zu bringen.

 

An der Stille im Leben des Kindes zu arbeiten, bedeutet, darauf zu achten, welchen Dingen man das Kind von seiner Geburt an bis zum Alter von mindestens 4 Jahren und im Idealfall länger, aussetzt. Sicher ist dieses Ideal wahrscheinlich (sehr) weit von der Realität der meisten von uns entfernt, aber wir können einfach dort anfangen, wo wir uns befinden : weniger Elektrogeräte im Haus verwenden, die Türen der Räume, in denen Lärm ist, schließen, das Radio und den Fernseher nicht ununterbrochen an lassen, und Programme gezielter anschauen oder anhören, das heißt, sie klar auswählen und bevorzugt abends, wenn das Kind schläft. All das kann bereits helfen, ein mehr harmonisches Klangmilieu zu schaffen. Was unseren Lebensrhythmus angeht, sollte man ihn leichter machen, um das Risiko zu vermeiden, dass das Kind den Preis eines zu vollen Alltagslebens bezahlt.

 

Dann kann die Musik ein großartiges Mittel sein, um die Entwicklung des Kindes zu unterstützen, und auch, um Ungleichgewichten aller Art vorzubeugen. Es gibt Musik, die in der Schule gemeinsam genutzt werden kann, und Musik, die sich für die Verwendung oder Ausführung in einem enger begrenzten, familiären Umfeld eignet. In beiden Fällen kann es sich um gesungene oder instrumentale Musik handeln, je nach den Umständen, dem Können oder Vorlieben des Kindes.

 

 

Mother

(Fortsetzung folgt)