eine neue Vision der Kunst

Theater

 

 

 

Das Theater (I)

 

Durch Betrachtung des historischen Verlaufs einer künstlerischen Disziplin wie der des Theaters, kann man zwei Feststellungen machen, die sich auf Folgendes beziehen:

  1. Die Verwendung von Kostümen, Masken, Schminken und Verkleidungen.

  2. die Tatsache, entweder heilige oder menschliche (profane) Geschichten darzustellen, ohne sie zu vermischen.

Das Theater hat immer Gebrauch gemacht von Kostümen, Verkleidungen, Masken oder Schminke. Was war und ist der Grund dafür? Wenn man diese Kunst im Laufe der Geschichte betrachtet, indem man sehr weit in die Vergangenheit zurückgeht, scheint der erste Grund objektiv die Tatsache zu sein, dass die Schauspieler auf der Bühne ganz andere Charaktere verkörpern als sie selbst. Ganz zu Anfang seiner Geschichte, bestand die Hauptaufgabe des Theaters darin, das Leben der Götter, der göttlichen Helden ins Szene zu setzen, oder die Geschichte der Welt , des menschlichen Lebens zu erzählen, das vom Göttlichen geleitet wird, durch die Weisen und Gottheiten, die in Kontakt mit dieser Welt sind.Diese aus einer anderen Welt stammenden Charaktere, die die irdische Welt übersteigt, verlangten, um in Szene gesetzt zu werden, um äußerlich sichtbar zu sein, ganz andere Kleider, Gesichter, Frisuren, Accessoires oder Gebrauchsgegenstände, als die im Alltag erforderlichen. Aber über diesen objektiven Grund hinaus, ist es eine andere Sache, die buchstäblich eine Rolle in dieser Angelegenheit spielt. Um eine andere Persönlichkeit als sich selbst darstellen zu können, sie auf die Bühne zu bringen und ihre Rolle zu spielen, muss man angemessene Kleider anziehen, die die Persönlichkeit der Person unterstreichen, die man verkörpert, und die am besten dabei helfen, sich in seine Haut zu versetzen. Indem man auf diese Weise äußere, konkrete Mittel anwendet, schafft es der Schauspieler besser, sich mit der inszenierten Figur zu identifizieren. Die innere Seite dieses Identifikationsprozesses profitiert somit von der Unterstützung einer äußeren Realität: der Kleidung, der Schminke, den Accessoires. 

Wenn wir in dieser Analyse weiter gehen, indem wir uns der Zeitgeschichte nähern, können wir feststellen, dass die alten Griechen während offizieller Auftritte oft Masken vor dem breiten Publikum trugen, die sie „Persona“ nannten, um die Tatsache zu unterstreichen, dass die betreffende Rolle, ebenso wie der Schauspieler, der sie interpretierte, etwas anderes waren als das, was den Menschen übersteigt, das Göttliche. In Griechenland begann man zu der Zeit, mehr und mehr Stücke, Epen zu spielen, in denen der Hauptdarsteller nicht mehr eine Gottheit war, sondern ein Sterblicher, ein Mensch, der den Göttern gegenübersteht und von Gottheiten umgeben ist. Es waren nicht mehr die Götter, die ihre Geschichte oder ihre Heldentaten vor der Menschheit erzählten, es war der Mensch selbst, der seine persönliche Erfahrung im Kontakt mit einer Realität inszenierte, die ihn übersteigt.

Diese tiefgreifende intrinsische Veränderung erforderte eine klare Definition, auch äußerlich auf der Bühne, um das Göttliche vom Menschen trennen zu können. Vorher trugen die Gottheiten ihre eigenen Kleider und hatten ihre eigenen Gesichter, der Mensch griff da nicht ein. Nun aber begann in Griechenland der Mensch plötzlich mit dem Göttlichen auf der Bühne zu konkurrieren, und dieser Fakt verlangte eine klare Definition des einen und des anderen der beiden Teile. Natürlich behielten die Götter ihre eigenen Kleider, aber der Mensch, der den „Mensch“ interpretierte, wer war er? Der Schauspieler war nicht der menschliche Charakter, den er auf der Bühne darstellte, aber er war auch nicht auf der Seite der Gottheiten: Er spielte die Realität des irdischen Menschen. Das bedeutet, der griechische Schauspieler musste nicht nur klar zeigen, dass er die Rolle eines menschlichen Wesens, eines Menschen spielte, sondern auch, dass es sich nicht um ihn selbst persönlich handelte; auf der Bühne war er ein anderer Mensch. Diese Realität war bis dahin weder in der Geschichte der Menschheit, noch in der des Theaters, so noch nicht erlebt worden.

Auch wenn der Mensch vorher neben dem Göttlichen, den Göttern auf der Bühne erschienen war, hatte er sich nicht auf gleiche Augenhöhe mit dieser göttlichen Realität gesetzt; oder besser noch, der Mensch war nicht so sehr im Mittelpunkt. Man kann sagen, dass der Mensch im alten Griechenland begonnen hat, seine eigene Zugehörigkeit zur Göttlichen Welt, als Seele besonders hervorzuheben, was eine Neudefinition der Rollen, der Situation und der Art und Weise erforderte, wie dies in Szene gesetzt wurde. Nicht nur seine Menschlichkeit sollte klar angekündigt werden, sondern inmitten von alledem, war der Mensch innerlich gleichzeitig sowohl Mensch und Seele. Dies führte die griechischen Schauspieler dazu, Masken zu tragen, die sie „Persona“ nannten, das heißt die Persönlichkeit „Mensch“, das menschliche Wesen, oder die inkarnierte Seele in der irdischen Welt, unter einer Verkleidung. Als dieser Schritt getan war, erfolgte mit einem Schlag auch auf der Bühne eine Vermischung zwischen dem Menschen und dem Göttlichen, eine  Mischung, und doch verschieden.

Von diesem Moment an, begann das Theater wirklich die Rolle zu spielen, die es in dieser Welt spielen sollte: die Rolle der Offenbarung der Verbindung zwischen dem Menschen und dem Göttlichen. Das Theater ist mehr als eine Kunst der einfachen Animation. Es erinnert an die Interaktion zwischen den beiden Realitäten, der irdischen und der Göttlichen, und es zeigt, wie das Leben auf der Erde selbst ein Theaterstück ist, indem die Seele ihre Rolle des Lebens im Leben spielt, sich verkleidet, lernt und sich entwickelt.

Die Mission des Theaters beginnt gerade, sich in seiner ganzen Pracht zu offenbaren, in dem Maß, wie diese Kunst neue Theaterstücke, Geschichten in Szene setzt, die sich auf die innere Erfahrung des Menschen konzentrieren. Der moderne Mensch wird immer mehr danach streben, das Leben zu verstehen, und sich selbst zu verstehen, sowie seinen Daseinsgrund in dieser Welt. 

Das ist die Herausforderung, die das Theater von Morgen erwartet.

 

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