eine neue Vision der Kunst

Poesie (2)

Wir haben bereits über die beiden Quellen der Inspiration gesprochen, aus denen der Künstler, der Dichter, schöpfen kann, und das sind: das individuelle oder persönliche Unterbewusstsein und die Seele. Was das individuelle Unterbewusstsein betrifft, so ist jeder Mensch, der auf der Erde lebt, damit ausgestattet. Die moderne Psychologie hat schon oft von ihm gesprochen; sie schreibt ihm manche Ursachen zu, die ebenso vielen Problemen entsprechen, die meist mit der Kindheit oder mit später erlebten Traumata zusammenhängen. Neben den Schwierigkeiten oder Traumata, die in diesem (unsichtbaren) Reservoir, namens Unterbewusstsein gespeichert sind, lassen sich auch gute Erinnerungen finden, Früchte positiver Erfahrungen, die bis hierher erlebt wurden. Alles in allem ist das menschliche Unterbewusstsein wie ein Reservoir von positiven und negativen psychischen Daten zu betrachten, die mit der Person selbst, ihrem Charakter, ihrer psychischen Struktur und ihren persönlichen Reaktionen auf die Unvorhersehbarkeiten des Lebens, ihres Lebens in Verbindung stehen.

Wenn wir hier von Inspiration sprechen, dann ist diese persönliche Datenbank die Quelle Nummer eins, aus der die Mehrheit der Künstler zur gegenwärtigen Zeit (unbewusst) schöpft; und im Prinzip ist daran nichts auszusetzen. Der einzige Nachteil jedoch ist, dass diese Form der Inspiration uns nicht über das menschliche Leben hinausführen kann. Die Inspiration aus dieser Quelle kann als “hübsch”, ja sogar “schön”, interessant, innovativ, erstaunlich beschrieben werden, aber sie wird nicht darüber hinausgehen. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass das menschliche Unterbewusstsein mit der niederen Natur, mit der Personalität verbunden bleibt. Selbst die wunderbarste, die rührendste Inspiration wird, wenn sie aus dieser Quelle trinkt, menschlich bleiben, und sie wird deshalb niemals eine Energie, ein stärkeres Licht vermitteln oder eines, das fähig ist, diese Ebene zu überschreiten. Wenn man sich damit zufrieden gibt, sein ganzes Leben lang auf diesem Niveau zu bleiben, muss man sich mit diesem Grad des Bewusstseins begnügen, menschlich.

Und genau das geschieht derzeit. Nur wenige Menschen scheinen das Bedürfnis zu spüren, eine andere Form von Poesie zu lesen als diese … insofern sie sich noch eines aufrichtig interessierten Publikums erfreut! Warum ist das so? Gab es in der Vergangenheit mehr Interesse an den hohen poetischen Leistungen? Absolut betrachtet, nein! Aus dem guten Grund, weil es vor 150 Jahren noch viele Analphabeten in der Welt gab, einschließlich in der westlichen, zivilisierten Welt. Aber diejenigen, die damals lesen und schreiben konnten, hatten relativ mehr Geschmack an der Poesie als es derzeit der Fall ist. Woher kommt das? Ursprünglich beruhte diese Situation auf der Tatsache, dass lesen und schreiben zu können, im Laufe der Geschichte lange Zeit das Privileg desjenigen Teils der Menschheit oder der Gesellschaft blieb, der sich auf der höchsten Bewusstseinsebene befand. Diejenigen, die bis vor etwa hundert Jahren lesen und schreiben konnten, stammten meist aus der Oberschicht oder waren geschulte Religiöse, oder Intellektuelle, die sich auf einen philosophischen oder wissenschaftlichen Ansatz stützten. Die Menschen jener Epoche interessierten sich in ihrer tiefgründigen Natur bereitwillig für Poesie, weil sie durch das Lesen versuchten, sich selbst zu erheben, ihren inneren Horizont zu erweitern. Dazu kann man  sagen dass es damals im sozialen, menschlichen Kontext  nicht so viele Ablenkungen gab wie heute. Früher war die Außenwelt einfacher, natürlicher, was die Verinnerlichung des Einzelnen begünstigte und denjenigen zu reflektieren half, die das Bedürfnis dazu hatten. Ein Milieu mit natürlicherem Ambiente, ein Geist, der sich höheren Existenzebenen zuwendet, begünstigten damals mehr als heute die Ausübung einer künstlerischen Disziplin wie der Poesie.

Heutzutage ist Poesie ein viel selteneres Phänomen geworden, was aber nicht bedeutet, dass sie keinen Anklang mehr findet. Aber die Mehrheit der Menschen ist auf der Suche nach unterhaltsameren oder mehr körperlichen Aktivitäten. Die moderne Welt bietet eine große Anzahl an Aktivitäten, die entweder kaum große intellektuelle Anstrengungen erfordern, oder viele Möglichkeiten für körperliches Training in Form von Sport und Freizeit bieten.

Um die Poesie schätzen zu können, ist es notwendig, sich für eine Form der Rückbesinnung auf sich selbst, der Verinnerlichung zu interessieren, und darüber hinaus ist es wichtig, den Willen zu haben, im Verständnis des Lebens weiter zu gehen. Heutzutage zum Beispiel finden viele Menschen Gefallen daran, Liedtexte zu hören, die man jedoch nicht als echte Poesie ansehen kann. Sie handeln im Allgemeinen vom menschlichen Leben, das auf poetische Weise erzählt wird, ohne jedoch zu versuchen, weiter zu gehen. Und genau das macht den Unterschied aus zwischen einem ‘poetischen Text’ und ‘echter Poesie’: die Zielsetzung! Ein poetischer Text, der sich reimt, aber das menschliche Leben behandelt, ohne weiter, höher zu gehen, der sich damit begnügt, das menschliche Leben so darzustellen, wie es ist, ohne ihm eine transzendentale Reflexion hinzuzufügen, kann nicht als wahre Poesie angesehen werden.

Wahre Poesie hat immer versucht, eine Verbindung herzustellen zwischen dem Menschen und der Welt, die über ihn hinausgeht; und um dazu in der Lage zu sein, war der Dichter oder die Dichterin von Anfang an verpflichtet, seine oder ihre Inspirationsquelle von vornherein auf einer höheren Ebene zu suchen. Nur eine Poesie, welche aus der Welt der Seele herrührt, war in der Lage, denjenigen zu inspirieren, der sie auch von dieser Ebene aus las, und ihn damit zu erheben. Zu dieser Welt der Seele, oder sagen wir, dieser Quelle der Inspiration, hat der Mensch Zugang durch sein Überbewusstsein oder durch die Verbindung, die er mit seiner eigenen Seele unterhält.

Die wahren Dichter der Vergangenheit hatten auf diese Weise den Kontakt mit der Welt der Seele oder eben des Geistes errichtet, durch ihre eigene Seele ; und die Inspiration, die aus dieser Welt, aus dieser Realität zu ihnen kam, war von anderer Ordnung, als die gewöhnlicheren poetischen Texte. Der Beweis dafür ist, dass diese Gedichte nicht nur wahre Quellen einer hohen Inspiration für viele Menschen in jener Zeit waren, sondern darüber hinaus  etliche von ihnen die Zeit durchwandert haben bis in unsere Gegenwart. Wenn sie sich dem Vergessen widersetzt haben, dann gerade deshalb, weil sie von jenem Element durchdrungen waren, das das Vorübergehende transzendiert und jene Wirklichkeit berührt, die über das irdische Leben, das Alltägliche hinausgeht.

Nur jene Gedichte, die ihren Ursprung im Überbewusstsein des Individuums, des Poeten finden, können sozusagen das Siegel der Unsterblichkeit erhalten. Alles andere ist automatisch, natürlich bedingt zur Auslöschung verurteilt. Nur das Licht der Seele und des Geistes ist in der Lage, die Poesie mächtiger zu machen als die Worte, die vom menschlichen Intellekt ausgehen, wie genial und gut gewählt sie auch sein mögen! Und hier nähern wir uns direkt einem anderen Phänomen, das mit der Welt der Poesie verbunden ist, dem des Einflusses, den die Worte, die Wörter bei der Ausarbeitung eines Poems haben.  Oder, welche Wirkung haben sie auf denjenigen, der sie liest oder hört?

Mother

(Fortsetzung folgt)